Alltagsallerlei, Glücksmomente, Kröte, Mukkel, mutterliebe, Normaler Wahnsinn, Schönes

Dankbarkeit

Gestern fragte mich der Mukkel ganz ohne weiteren Zusammenhang plötzlich: „Mama, warum hat nicht jeder Mensch ein Zuhause?“

Ich habe versucht ihm so gut wie möglich, aber natürlich auch kindgerecht zu erklären, dass es Menschen gibt, die viel haben und welche die ganz wenig haben. Aufgrund der dann doch recht kurzen Aufmerksamkeitsspanne des Mukkels bin ich schnell befreit worden.

Trotzdem hat mich seine Frage zum Nachdenken gebracht. Und wenn ich ganz ehrlich bin jammere ich ganz schön viel den lieben langen Tag. Darüber, dass ich zu wenig geschlafen habe zum Beispiel. Jammern fällt einem leicht und man trifft meist auch jemanden, dem es ähnlich geht oder der Mitgefühl hat. Warum ist das so? Warum wird eher irritiert reagiert, wenn man sagen würde: „Ich bin dankbar, heute Nacht in meinem warmen Bett geschlafen zu haben.“ Hört man dann: „Ja, ich bin auch dankbar darüber!“ oder bekommt man eher einen skeptischen Blick und die unterschwellige Frage: „Hat die sie noch alle?“

Wir sollten viel öfter unseren Blick schärfen und uns an dem erfreuen, was wir haben. Stattdessen schauen wir dorthin, wo es lauter Dinge gibt, die wir (noch) nicht bekommen (können) / haben.

Ich bin dankbar für meinen Mann, der seit über 18 Jahren (Oh Gott! Echt?) an meiner Seite ist. Auch wenn es oft nicht leicht war. Er hält meine Launen und Zickereien mal mehr mal weniger heldenhaft aus. Mit ihm habe ich die 2 tollsten Kinder der Welt, die ich jeden Tag ein wenig mehr liebe. Wir sind gesund und meistens sehr glücklich.

Dankbar bin ich für jedes Lachen, Lächeln und Kichern an jedem einzelnen Tag. Jedesmal wird mein Herz gewärmt und mir bewusst, worum es geht. Der Sinn des Lebens ist doch nicht ein riesiges Haus, das neueste Auto, ein perfekter Garten, Urlaube weit weg (obwohl das alles schon nicht schlecht ist, zugegeben) sondern vertraute Blicke, Umarmungen, Sonne auf der Haut und dieses Gefühl der Zufriedenheit, ganz tief in einem drin.

Wenn die Jungs gemeinsam spielen Wenn die Kröte die Steine aus der Legokiste rauspfeffert und der Mukkel alle in erreichbarer Nähe zu einem Turm zusammenbaut, dann bin ich ganz seelig. Ich schaue ihnen zu und bin beeindruckt über diese beiden Wunder und bin dankbar, dass es meine Wunder sind.
Ja, auch wenn dann einer der fliegenden Legosteine an Mukkels Kopf landet und es von beiden bittere Tränen gibt. Vom Mukkel, weil er Kopfschmerzen hat, von der Kröte, weil er aus Solidarität mit weint.
Ja, auch wenn kurz darauf ein Streit ausbricht da beide gleichzeitig von mir getröstet werden wollen und keiner den anderen neben sich auf meinem Schoss duldet.
Denn, wenn mich dann, nach überstandener Krise und bei wieder aushaltbarem Geräuschpegel, 4 große, tränennasse Kulleraugen anschauen, dann schwillt mein Herz auf unvorstellbare Größe an.

Dankbar bin ich auch wenn ich nachts mal wieder 3 mal aufstehen muss. Weil der Mukkel durstig ist, der Wind zu laut stürmt, die Kröte schlecht geträumt hat. Ich bin dankbar wenn die Nacht mal wieder um 04:10 Uhr beendet ist und ich mit vor Müdigkeit bleischweren Augen am Küchentisch sitze und das Kind neben mir glucksend mit seinem Frühstück spielt.
Denn irgendwann, in nicht zu ferner Zukunft, werde ich ausgeschlafen am Küchentisch sitzen und beide Jungs werden nicht da sein. Sie werden entweder noch schlafen oder es einfach nicht mehr wichtig finden, dass ich bei ihnen bin. Ich werde irgendwann nicht mehr der wichtigste Mensch in ihrem Leben sein. Sie werden groß und selbstständig und nabeln sich ab. Ich werde sie ansehen, die beiden immer wichtigsten Menschen meines Lebens, werde wissen das es gut und richtig ist was passiert. Werde stolz sein. Und trotzdem ein gebrochenes Herz haben.

Ich bin dankbar diese Liebe zu kennen. Dachte ich vor Mukkels Geburt ich wüsste was es bedeutet zu lieben – ich habe mich noch nie so sehr getäuscht.

Heute ist es genau 1 Jahr her, dass wir den Anruf der Humangenetik bekamen. Ich bin nicht dankbar, dass die Kröte Down Syndrom hat. Aber, ich bin dankbar, dass er keine der häufigen Begleiterkrankungen hat. Er ist gesund und seiner Zeit bisher nur minimal hinterher. Ich würde sagen, er ist eins der glücklichsten Kinder der Welt. Gleich früh morgens beginnt sein Tag mindestens mit einem Lächeln, meistens mit vergnügtem Gekicher. Er macht mich glücklich. Er macht unsere Familie glücklich und komplett. Und dafür bin ich unendlich dankbar.

Ich habe eine andere Art der Liebe kennen gelernt. Eine sehr empfindliche und gleichzeitig sehr starke Liebe. Es ist schwer zu beschreiben. Wer erinnert sich noch an das Arschlochradar?
Ich liebe beide Kinder wie wahnsinnig. Und doch ganz anders. Ist das bei Mehrfachmamas immer so? Oder liegt es daran, dass die Kröte einen ganz großen Beschützerinstinkt weckt? Einfach, weil er ein viel größeres Feld bietet um verletzt zu werden?

Ich bin dankbar für die vielen neuen Menschen, die ich durch Krötes Down Syndrom kennen gelernt habe. So viele tolle, starke Eltern, so viele Kinder die wahrhaftig bezaubern.

Ich bin dankbar, dass mich die Kröte und sein Extradings dazu bringen, über mich hinaus zu wachsen. Dinge zu tun, die ich früher nie zu schaffen geglaubt habe. Neues zu lernen.

Jedes Mal wenn ich mich über etwas unwichtiges ärgere oder sorge, will ich mich erinnern. An die Liebe in meinem Leben. An die Wärme, an das Gefühl von Geborgenheit. An das angekommen zu sein. An all das unbezahlbare, das nicht erzwingbare. An all das, was mir jeden Tag geschenkt wird. Und dann werde ich nicht mehr ärgerlich, traurig oder sorgenvoll sein, sondern zufrieden. Sogar glücklich.

Meistens.20170312_162921

 

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