Glücksmomente, Kröte, Mukkel, mutterliebe, Schönes

Das Kind, das alle um seinen Finger wickelt

Als die Kröte den Stempel „Down Syndrom“ verpasst bekam hörte ich vor allem eines: Was er alles nicht können wird. Oder erst sehr spät. Darauf müsste ich mich einstellen. Das sagten sie alle. Ob Arzt, Humangenetiker, Physio, sogenannte Profis. Und auch Dr. Google half nicht. Ich las von Kindern mit Down Syndrom, die eine so schwache Muskulatur hatten, dass sie im Rollstuhl saßen. Von Menschen mit Down Syndrom, die nie sprechen lernten. Von Jungen und Mädchen, denen selbst das Sitzen schwer fiel. Erwachsene auf dem Stand eines Kleinkindes. Von Kindern die schlecht hören, kaum sehen und schwere Begleiterkrankungen haben.

Bei uns war das ja so, dass Kröte bis kurz vor dem U5-Termin als gesund galt. Dann kam erst der Verdacht auf. Es gab aber noch keine Diagnose! Trotzdem steht in seinem U-Heft bei Bemerkungen zur U5: Verdacht auf DS, Entwicklungsverzögerung. Bam! Ich las es zum Glück erst zu Hause. Gerade in dieser Zeit, die so aufwühlend war, so voller Ängste und Unsicherheiten. Meinem schlechten Gewissen meinem Sohn gegenüber, den veränderten Blicken auf ihn… da hätte ich einen Kinderarzt gebraucht, der mir sagt, dass alles gut wird. Das war nochmal das sprichwörtliche Messer, das in der Wunde gedreht wurde. Und das von dem Arzt, der fast 6 Monate überhaupt nicht bemerkt hat, dass das von ihm betreute Kind Down Syndrom hat. Ich versank erstmal wieder in einem Meer aus Tränen.
Zwischendurch dachte ich wirklich, alle Tränen für ein Leben aufgebraucht zu haben. Das stimmt leider nicht. Auch jetzt, 1 Jahr nach der Diagnose, lese oder höre ich immer noch Dinge, die mir Sorgen machen. Und ihr wisst ja mittlerweile, ein kleiner Schubs und mein Sorgenkarussell nimmt Fahrt auf. Wenn ich höre, dass Kinder nur wegen eines Extra Chromosoms nicht zu Geburtstagen eingeladen werden, sie von Lehrern ausgegrenzt werden, Ärzte die Behandlung verweigern, Fremde sich über sie lustig machen… Dann bricht mein Herz. Immer und immer wieder. Und wenn ich dann Ruhe habe, allein bin und mein Kopf dieses Gesicht des schikanierten, verletzten Menschen durch das Gesicht der Kröte ersetzt, dann kommen sie wieder. Die verbraucht geglaubten Tränen.

Wenn ich ehrlich bin, ist uns bisher erst einmal etwas Blödes passiert. Und das war ein, ich vermute unbedachter, Kommentar einer Erzieherin im Kindergarten des Mukkels. Allerdings kannte sie die Kröte zu dem Zeitpunkt nicht und ich weiß auch nicht bestimmt, ob sie bis jetzt schon das extra Dings an ihm erkannt hat.
Ich hoffe, es bleibt dabei. Ich wünsche der Kröte, dass die einzigen Hürden die sind, die nichts mit seiner Besonderheit zu tun haben. Jeder hat seine Stärken und Schwächen. Aber die Angst davor bleibt. Und nur die Ahnung, wie es wohl sein könnte, wenn er denn so behandelt würde, macht mich echt fertig.

Dann gibt es andere Situationen. So wie z. B. Montag. Wir sind in einer Sportschule, der Mukkel will Hapkido lernen. Die Jungs (Mukkel, Kröte und Mukkels bester Freund L.) toben in der Halle und wir Mütter plus Hapkido-Meister sitzen in einem Vorgespräch. Der Meister fragte nach einer Weile, wie alt die Kröte ist. „18 Monate.“ – „Läuft er schon?“ „Nö, er ist etwas besonderes und wird wohl etwas länger brauchen.“ Ein breites Lächeln legt sich auf des Meisters Gesicht und er sagt „Ich sehe das, und er ist so fit!“ Ich lächle ebenfalls breit – und atme aus. In solchen Momenten beginnt mein Gefühlsseismograpf ganz schön zu beben. Ich muss das unbedingt abstellen, gleich vom Schlimmsten auszugehen.

Krötes Oma z. B., ist so unglaublich vernarrt in ihn. Sie war beim Mukkel schon außer Rand und Band (das ist nicht übertrieben), und es gibt keinen winzigen Fitzel Unterschied zwischen den Beiden. Er ist absolut und total akzeptiert und integriert.
Das ist in unserem Bekanntenkreis aber allgemein so. Ich spüre keinen Unterschied im Vergleich zu anderen Kindern. Klar gibt es mal Fragen, aber das ist auch absolut ok. Ich freu mich natürlich über Interesse. Er wird aber keinesfalls ausgegrenzt. Und das ist mir sehr wichtig.

Dann sind wir unterwegs, z. B. Einkaufen. Es passiert jedes Mal: „Was für ein freundliches, hübsches Kind!“ Sowas, oder etwas sehr ähnliches wird mir immer gesagt. Er bandelt mit mindestens einer Person pro Ausflug an. Oft sind es mehr. Er sucht sich jemanden raus und winkt und lacht und ruft „Oh!“, „Uh!“ oder „Ah!“ so oft und so energisch wie es nötig ist. Gibt es erstmal Augenkontakt, hat Kröte den Gegenüber schon so gut wie in der Tasche.

Er sagt immer deutlicher und bewusster Mama. Und: Gestern, am Geburtstag seines Papas, machte er seine ersten freien Schritte. Was für ein Geschenk! Ganz wackelig noch, auch nur 2 oder 3 Schritte, die jedoch immer wieder. Er war so stolz! Sein blitzender Blick und das zufriedene Grinsen, als wir alle kollektiv ausrasteten. Hach. Wieder eine Erinnerung die nie, nie, nie verblasen darf.
Er ist jetzt 18 Monate, somit ist es nun nicht gerade rekordverdächtig, aber dafür dass er prophezeit erst sehr spät oder womöglich gar nicht laufen können würde, ist es das doch!

Wenn ich ihn frage wo sein Schnuller schon wieder ist, ruft er „Da“ und zeigt mit dem Finger in eine Richtung. Und zu 90 % finde ich dort auch einen Schnuller.
Als er neulich mit dem Kopf gegen die Schrankkante gestoßen war (ich hab es gehört) fragte ich was passiert ist als er weinte. Er stieß nochmal ganz vorsichtig an die Kante und sah mich an.
Wenn ich ihm etwas gebe, sagt er wieder „Da!“ aber mit einer anderen Betonung. Es bedeutet „Danke“.

Das alles, und noch viel mehr kann die Kröte bereits. Er lernt jeden Tag so viel dazu. Und eines kann er ganz besonders gut: Er ist das Kind, das alle um seinen Finger wickelt.

Keiner der Ärzte hatte auch nur eine Ahnung davon.

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Lieblingsmensch
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1 thought on “Das Kind, das alle um seinen Finger wickelt”

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